ADFC radelt nach Kopenhagen

14 ADFClerinnen und ADFCler aus Langen und Umgebung machten sich auf, um die vielgepriesene Infrastruktur für den Fahrradverkehr in Dänemark zu studieren. Eigentlich war die Reise schon für 2020 geplant. Doch Corona-bedingt musste sie mehrfach verschoben werden und war so erst in diesem Frühjahr möglich.

Übersicht Kopenhagentour
Übersicht Kopenhagentour

Treffpunkt der Kopenhagen-Radler(innen) war zunächst der Langener Bahnhof. Mit zwei ICE-Zügen ging es von Frankfurt nach Berlin. Man musste sich auf zwei Züge im Stundenabstand verteilen, da es in jedem ICE nur 8 Stellplätze für Fahrräder gibt. In Berlin am Hauptbahnhof traf man sich an der Spree mit Blick auf das Kanzleramt. Erste Stationen waren der Reichstag, das Sony-Center, das Holocaust-Denkmal und schließlich das Brandenburger Tor.

Man radelte "Unter den Linden" zum Gendarmenmarkt und dann zum neu aufgebauten Stadtschloss und zur Museumsinsel. Vorbei am Alex ging es zum Mauerdenkmal und von hier weiter nach Westen bis an die Havel.

An der Havel traf man auf den "Berlin-Kopenhagen"-Radweg", der hier gleichzeitig Havel-Radweg heißt. Die erste Übernachtung war in Oranienburg, wo man mit Bekannten am Lehnitzsee zu Abend aß. Am nächsten Morgen ging es nach einem eindrücklichen Stopp am ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen immer entlang der Havel nach Norden. Richtig ruhig genoss man die Fahrt an der Havel, die hier zum schiffbaren Kanal ausgebaut ist, mehrmals unterbrochen von einer Seenlandschaft. Viel Wald umsäumt den Fluss, das Schilf wiegt sich am Ufer, nur gelegentlich kommt ein Schiff oder Boot vorbei. Dann wird die hübsche Havelstadt Zehdenick erreicht. Weiter geht‘s an den Tonstichen vorbei zum Ziegeleipark Mildenberg. Dieser ist zu einem Technikmuseum ausgebaut. Hier wurden bis zur Wende Ziegel für ganz Berlin gebrannt und in Schiffe verladen. Hier zeigte den Hessen endlich ein Schild mit dem Ziel Kopenhagen - noch 581 km - dass sie auf dem richtigen Weg waren. Weiter an der Havel kann man in Himmelpfort den Wunschzettel an den Weihnachtsmann einwerfen und dann taucht Fürstenberg auf, die zweite Übernachtungsstation. Am nächsten Tag nach einer Fahrt durch ruhige Kiefernwälder (und einem kräftigen Regenschauer) war ein Hotel nahe am See Müritz das Ziel. Ein "Ruhetag" war eingeplant mit Schifffahrt auf dem See, Spaziergang durch Waren Müritz und einer Wanderung und Beobachtung von Kranichen und sonstigen Vögeln.

Weiter ging es durch die Landschaft der Mecklenburgischen Seenplatte bis Güstrow. Die sehenswerte Altstadt ist ein Ensemble der Baustile von Gotik bis Klassizismus. Im Backsteindom hat man den schwebenden Engel von Ernst Barlach bewundert. Durch das untere Warnowland führte die Strecke dann nach Rostock. Dort erreichte man am nächsten Vormittag den Fährhafen und die Fähre nach Dänemark. Die Fahrräder kamen auf das LKW-Deck, die Radler entspannten sich auf dem oberen Deck. Vorbei an Warnemünde ging es über die Ostsee nach Gedser.

Während der offizielle Berlin-Kopenhagen-Radweg entlang der Ostküste von Falster und über die Insel Mön führt, radelte die Langener Gruppe über Nykobing bis zur Eisenbahn- und Straßenbrücke zwischen Falster und Seeland nach Vordingborg. Die mächtige Brücke aus den 1930er Jahren hat Rost angesetzt, parallel waren die Bauarbeiten für eine neue Brücke im Zusammenhang mit dem Zubringer zum im Bau befindlichen Tunnel unter dem Fehmarnbelt zu sehen. Vom Hotel in Vordingborg waren es nur wenige Schritte zum riesigen Gelände einer früheren Burganlage. Diese lässt erahnen, dass Dänemark eine bedeutende Seefahrernation war, die große Bereiche an Ost- und Nordsee und darüber hinaus einschließlich Grönland beherrscht hat.

Auf Teilstrecken durchs beschauliche Landesinnere und dann entlang der Ostseeküste wurde nach einer weiteren Tagesetappe von ca. 80 Kilometern Koge erreicht, eine alte Hafenstadt mit mittelalterlichen Fachwerkhäusern und einem großen Marktplatz. Die Tour über Land zeigte, dass Radfahren nicht nur in Kopenhagen ein Thema ist. An allen Überlandstraßen mit viel Autoverkehr gibt es seitlich getrennt gute Rad- und Fußwege, meist auf beiden Seiten der Straße. Und auch in den kleineren Städten fühlt man sich als Radler auf großzügig ausgebauten Radwegen sicher. Erwähnenswert sind auch kleinere Landstraßen mit beidseitig breiten Spuren für Radfahrende und nur einer Spur für Autos.

Am nächsten Tag nach einer Strecke entlang der Ostsee wurde das Ziel Kopenhagen erreicht, wo man in einem Hotel in Stadtmitte nicht weit vom Tivoli gut unterkam. Um die gesicherten Fahrradabstellplätze zu erreichen, war akzeptiert, die Räder durch den Frühstücksraum zu schieben. Der Abend schloss mit einem Bummel durch die Fußgängerzone bis zum berühmten "Nyhaven".

Am nächsten Morgen holten Erik und Flemming vom Cyclistforbundet - dem dänischen Pendant zum ADFC - die Hessen am Hotel zu einer Radrunde durch Kopenhagen ab. Sie führten die staunenden Langener zu den Brücken nur für Radfahrende, die die verschiedenen Stadtteile verbinden. Und sie erklärten viel zur Radinfrastruktur und führten über die breiten Radwege zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbei an Schloss Amalienborg bis zur Meerjungfrau.

Dann traf man sich in den Räumen des dänischen Radfahrerbundes zum Mittagessen und einer Diskussion zur Verkehrspolitik. Der dänische Radfahrerbund wurde schon 1905 gegründet. Zunächst ging es um bessere Freizeiteinrichtungen, Hotelausstattungen und bessere Bedingungen für Radfahrende auch im Verhältnis zu Pferdefuhrwerken. Lange gab es viele Radfahrende und wenig Autos. Nach dem 2. Weltkrieg explodierte die Zahl der Autos und zunächst hatte der Straßenbau für Autos Vorrang. Aber schon in den 1970er Jahren erkannte man die Chancen des Radverkehrs. Seitdem wird die Radinfrastruktur in Kopenhagen und ganz Dänemark systematisch ausgebaut. Die gute Infrastruktur wird angenommen, über ein Drittel aller Wege wird im Großraum Kopenhagen wird mit dem Rad zurückgelegt, im Berufsverkehr sogar über die Hälfte und in der City zwei Drittel.

Heute hat der Cyclistforbundet Forderungen, die sich die deutschen ADFCler nur schwer vorstellen können. Es geht nicht um neue Radwege, denn Radwege gibt es schon überall. Es gibt insbesondere im Berufsverkehr so viele Radfahrende, dass diese sich an manchen Kreuzungen so stauen, dass es z.T. bis zur übernächsten Ampelphase dauert, bis man über die Kreuzung kommt. Forderung des Cyclistforbundet: Die breiten Radwege müssen noch breiter werden und die Radler an noch mehr Stellen Vorrang haben und die Radwege in zweiter Ebene ohne Kreuzungen mit Autostraßen müssen weiter ausgebaut werden.

Was noch auffällt: Natürlich gibt es auch in Dänemark viel Autoverkehr und unter den Autofahrenden unterschiedliche und nicht immer entspannte Fahrstile. Aber Abbieger an Kreuzungen sind augenscheinlich gut erzogen, sie halten an und biegen äußerst vorsichtig und langsam ab.

Am letzten Tag in Kopenhagen teilte sich die Gruppe. Ein Teil radelte, ein Teil bummelte. Einige radelten zum Kunstmuseum Lousiana etwa 35 km nördlich von Kopenhagen, herrlich über dem Öresund gelegen mit einer fast erschlagenden Fülle von modernen Skulpturen und Bildern.

Das Ziel am nächsten Tag war das schwedische Malmö. Über die riesige, 8 Kilometer lange Öresundbrücke führen eine Eisenbahn und eine Autobahn, Fahrräder müssen im Zug mitgenommen werden. Nach der Ankunft in Malmö wurde die Gruppe von Herbert, einem Deutschen, der nach Schweden ausgewandert ist, empfangen und sachkundig per Rad durch die Stadt geführt. Nach Passage des Schlosses ging es zum weithin sichtbaren Wahrzeichen, dem verdrehten Wolkenkratzer und dann in die Altstadt.

Am Abend trotzten die Radfahrendem dem einsetzenden Regen und radelten zum außerhalb gelegenen Hafen. Vom Ticketschalter wurden sie mit einem Auto mit Blinklichtern - ähnlich einem "Safety-Car" - auf die Fähre gelotst, die sonst hauptsächlich von Lastwagen frequentiert war. Beeindruckend war die Passage bei Dunkelheit mit dem Schiff unter der mächtigen Öresundbrücke, über die man in der Frühe mit dem Zug gefahren war. Am nächsten Morgen wachte man in Travemünde auf. Nun stand nochmals eine etwa 80 km lange Radelstrecke über ruhige Nebenstraßen auf dem Programm, mit Zwischenstopp in Lübeck mit seiner mittelalterlichen Innenstadt. Ziel war an diesem Tag Ahrensburg. Was Langen als tolle Neuheit verkauft, gibt es da schon längst: Elemente mit Sitzplätzen, die auf ehemaligen Parkplätzen der Innenstadt positioniert sind. Übrigens musste man leidvoll den krassen Unterschied bezüglich der Qualität der Radinfrastruktur im Vergleich Schleswig Holstein zu Dänemark feststellen.

Am letzten Tag radelte die Gruppe nach Hamburg. Nach Fotostopps an der Alster ging es zum Bahnhof Altona und von dort mit zwei ICEs nach Hause. Etwa 700 Radelkilometer lagen hinter den ADFClern.

Bildergalerie

Kopenhagentour (1)

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Copyright: Werner Weigand
Kopenhagentour (2)

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Kopenhagentour (3)

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Kopenhagentour (4)

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Kopenhagentour (5)

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Kopenhagentour (6)

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Kopenhagentour (7)

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Kopenhagentour (8)

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Kopenhagentour (9)

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